Kulturelle Aneigung des Yoga im Westen - ein Einblick.

Schon seit langem kreisen die Gedanken um dieses Thema.



Auch ich war mir dessen lange nicht bewusst. Seit 11 Jahren „praktiziere“ ich Yoga – so dachte ich zumindest bis vor ca. 2,5 Jahren noch. Denn dann wurde mir bewusst, dass ich nicht Yoga praktiziere, sondern nur einen ganz kleinen Teil davon. Die Asanas – also Körperübungen. Und letztendlich könnte ich dies dann auch als funktionale Gymnastik oder achtsames Bewegen bezeichnen. Denn mit dem Kern von Yoga hatte das jahrelang wenig zu tun. Chanten zum Beispiel war und ist für mich noch immer einer große Hürde, da eine so große Kultur dahintersteht, derer ich mich nicht zugehörig sehe. Selbst das so „typische“ Namaste habe ich lange Zeit nicht in den Mund genommen, bis ich seine Bedeutung wirklich begriffen und in den Kontext einordnen konnte. Und selbst dann ist mir nach Jahren aufgefallen, dass ich es nicht korrekt benutzte. Dazu aber im zweiten Artikel zum Thema "Kulturelle Aneignung des Yoga im Westen" mehr.


Ist dir schon einmal der Gedanke gekommen, dass du nicht Yoga, sondern nur die Übungen und vielleicht noch Meditation praktizierst? Bezeichnest du dich dennoch als Yogi/Yogini?


Wo liegt das Problem?


Stell dir einmal folgendes Szenario vor:

Du gehörst dem Hinduismus an, deine Eltern kommen ursprünglich aus Indien und in eurer Familie gehört die gesamte Praxis des Yoga dazu wie Zähne putzen.

Du besuchst die Yogaklasse einer weißen Frau in einem Yogastudio, in dem die Toilette mit „Om-Zeichen“ (die korrekte Schreibweise wäre ‚Aum‘, jedoch wüsste dann kaum jemand was gemeint ist) dekoriert ist und überall Statuen von hinduistischen Göttern (z.B. Shiva) stehen würden. Alle um dich herum tragen die trendigsten Klamotten und rollen die neueste Yogamatte aus, in der Hand halten sie ihren Chai-Tea Latte im To-Go Becher auf dem steht „But first Yoga“ oder "Namastay in Bed".


Wie würdest du dich fühlen? Verletzt? Beschämt? Ausgeschlossen?


Das ist weder überspitzt, noch unwichtig. Genau das ist die Realität und muss gesehen werden. Vor allem, wenn du selbst Lehrer, Studiobesitzer oder Schüler bist. Denn dann bist du ein Teil dieser kulturellen Aneignung.


Die Hintergründe


Durch den Kolonialismus kam Yoga in die Welt. Jedoch hat eben dieser auch dazu geführt, dass Yoga in Südasien lange nicht praktiziert werden durfte. Erst in den 50ern „erkämpften“ Lehrer und Schüler in Indien sich ihr Recht zurück, ihre Traditionen praktizieren zu dürfen.


Wir haben uns Yoga angeeignet. Es seinen Ursprüngen entzogen und großflächig sogar komplett entfremdet. Booty-Yoga, Hit-Yoga, Cross-Yoga, Bier-Yoga, Faszienyoga, Yoga dies, Yoga das, die Liste kann mittlerweile endlos fortgeführt werden. Und wenn wir es genau nehmen, sind diese Enteignungen nicht nur unangebracht und haben nichts mit Yoga zu tun, sie sind schlichtweg respektlos der Tradition und Kultur gegenüber.


Wenn Yoga nicht spirituell gesehen werden soll, dann muss es anders benannt werden oder ganz klar als „nur“ die Yogaübungen getrennt werden. Denn das, was in den meisten Studios und Ausbildungen passiert, hat so gar nichts mit dem Yoga zu tun.


Was das für mich als weiße Frau bedeutet?


Das anzuerkennen und zu respektieren ist ein großer, aber wichtiger Schritt. Es ist anstrengend. Für mich als weiße, privilegierte, gesunde, junge Frau, die Yoga unterrichtet und in ihren Alltag integriert bedeutet dies vieles zu reflektieren, aufzuarbeiten und stetiges Lernen und Aufklären. Ich möchte denen, die es betrifft, zuhören und Raum schenken.


Seit 2,5 Jahren ist Yoga für mich bewusst wesentlich mehr als nur Asanas und Meditation. Intensives Auseinandersetzen mit den Schriften, den Yamas und Niyamas, den Traditionen und was sie tatsächlich bedeuten sind nur wenige Teilaspekte dieses Prozesses. Aber es ist einer, der sich lohnt.


Yoga als Ganzes, als Lebensstil, kann heilen. Es kann so viel und es ist ein wahres Geschenk, welches wir als solches ehren sollten.


Tipps für deinen Yogaalltag


Wenn du von den Yogaasanas profitierst, gerne bei einer anstrengenden Vinyasa-Stunde zu rhythmischen Beats ins Schwitzen kommst, ist das vollkommen legitim und du darfst natürlich auch weiterhin so praktizieren. Aber schaffe mehr Bewusstsein dafür, dass das nicht Yoga in seiner Gesamtheit ist und zolle der Herkunft Respekt. Gehe bewusst mit Dekoartikeln, Handlungen, Sprüchen und deiner Praxis um.


Und vielleicht möchtest du tiefer in die Welt des Yoga eintauchen.


Disclaimer: Ich sehe die Schwierigkeit, das aus meinem Standpunkt heraus zu beleuchten und bin mir der Kontroverse bewusst. Ich möchte dich einladen mit in diesen Gedankengang zu kommen, die Diskussion für dich und für andere zu öffnen und gemeinsam mit mir stetig weiter zu lernen, von denen, die betroffen sind von kultureller Aneigung und Rassismus. Nur so können wir Yoga inklusiver werden lassen und denen Raum geben, die ihn mit Wissen füllen können.


Inspirationsquellen:

Yoga is dead Podcast

Susanne Barkataki – Buchautorin “Embrace Yoga’s Roots”

Film: Exploring Yoga and the Impacts of Cultural Appropriation https://yogaappropriation.wordpress.com/


Danke für deine Zeit und wir sehen uns auf der Matte :)

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