• Tatjana Pfarr

Slow down, honey.

Yoga lehrt uns öfter mal einen Gang zurück zu schalten. Doch warum macht Leistungsdruck auch vorm Yoga keinen Halt mehr?

Ich stand schon immer unter Strom und erst recht als ich anfing Sport zu treiben. Jeden Tag wollte ich mir mehr beweisen, härter an der Bikinifigur arbeiten und einfach besser werden. Und in Phasen, wo ich es im Sport nicht wollte, wollte ich es in der Schule/Uni, in Beziehungen und wo sonst auch immer. Mein Motto: Nur wer jeden Tag 100% gibt, erreicht seine Ziele.

Wie falsch ich damit oft immer noch liege, wird mir mehr und mehr bewusst. Nicht nur, dass es energieraubend ist, vielmehr führte es oft zum Gegenteil. Irgendwann so ausgepowert zu sein, dass nichts mehr ging. Besonders erschreckend war die Erkenntnis, dass dieses Motto auch vor der Yogamatte keinen Halt machte - im Gegenteil, schließlich bin ich Yogalehrerin und muss alles beherrschen, damit ich meinen Schülern was beibringen kann. Wem will ich eigentlich was beweisen? (Und ja, der Präsens ist hier bewusst gewählt, da ich mich an vielen Tagen noch in diesem Hamsterrad bewege).



Woher kommt dieser Druck?

Woher kommt dieses Gefühl immer mehr geben zu müssen? Und wehe man lehnt sich mal zurück - das könnte sofort bestraft werden. Mit was? Keine Ahnung, irgendwas wird sich das knechtende Universum schon einfallen lassen.

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Wenn du nichts außerordentliches tust, kannst oder besitzt, bist du nichts wert. Dabei ist es doch schon ganz schön außerordentlich dieses Leben überhaupt zu meistern, oder? Und an vielen Tagen ist es schon eine außerordentliche Leistung den Körper am Laufen zu halten. Allein die Geburt ist schon so eine krasse Leistung, dass man damit eigentlich ausgesorgt haben sollte...

Wir sind nicht hier um zu leisten. Wofür wir sonst hier sind? Ich weiß es nicht. Das weiß niemand. Aber ich vermute mal um zu atmen, zu lieben, zu geben und zu nehmen, das Geschenk Erde zu bestaunen, Spaß zu haben, zu weinen, zu lachen, zu schreien und zu tanzen und auch um zu arbeiten. Aber nicht um jeden Tag 100% und mehr geben zu wollen.

Ich will auf meiner Yogamatte nicht immer alles geben müssen, nur weil irgendwann mal jemand meinte, dass ich nur so besser werden kann. Handstand lernen? Geht nur, wenn du jeden Tag übst. Und wenn ich mich nicht fühle? Nackenschmerzen habe? Egal, du musst üben - es ist dein Kopf, der dir sagt es geht nicht. - Ahhhja, interessant. Und viel zu lange habe ich genau diese Gedanken selbst gehabt.



Was hat sich geändert?

Viel und doch nichts. Noch immer spukt dieser Gedanke im meinem Kopf jeden Tag volle Leistung bringen zu müssen, sonst ist man schließlich faul und andere ziehen an einem vorbei. Aber ich stelle mich immer öfter stur diesem Gedanken entgegen. Und das mit Erfolg. Sollen sie doch alle an mir vorbeiziehen, sollen sie doch nach einem Jahr Yogapraxis den Handstand können, ich hänge auch nach 8 Jahren noch wie ein nasser Sack an der Wand und bin stolz drauf! Denn mein Körper dankt es mir. Und an Tagen, wo ich das Gefühl habe echt ganz schön faul zu sein, werfe ich einen kleinen Blick zurück auf den Berg an Dingen, Gelegenheiten und Erfahrungen, die ich gemeistert habe und genieße mein Faulsein umso mehr.

Nein, du musst nicht jeden Tag 100% geben um besser zu werden. Du musst überhaupt nicht besser werden! Du bist genug. So wie du bist. Und mit diesem Wissen arbeite ganz beständig, gelassen und geduldig an all dem was du erreichen möchtest und kreiere dein eigenes Leben. Es ist deins und du kannst damit machen was du willst (solange du niemand anderem schadest).

Und auch mit 5 Tagen Pause, wirst du an dein Ziel gelangen - und zwar dann, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Mein neues Motto lautet deswegen: "Slow down, honey. You`ve got this already."

Tatjana, xx

  • Black Facebook Icon
  • Schwarz Instagram Icon
  • Black Pinterest Icon