• Tatjana

Kopfstand - ja oder nein?

Eine der umstrittensten Asanas überhaupt - der Kopfstand. In diesem Artikel möchte ich näher auf eine Frage eingehen, die mir in meinen Kursen schon öfter gestellt wurde: "Weshalb üben wir keinen Kopfstand/Schulterstand?"



Die Anatomie

Um die Halswirbelsäule (HWS) besser verstehen zu können, müssen wir ihre Anatomie verstehen. Die HWS besteht aus 7 Wirbelkörpern, die in einer leichten Krümmung (Lordose) aufeinanderstehen. Unser Hinterhaupt bildet mit dem ersten Halswirbel, dem Atlas, das oberste Kopfgelenk. Der Atlas wiederum ist mit dem Axis zum unteren Kopfgelenk verbunden. Eine weitere markante Stelle der HWS ist unser 7. Halswirbel, der vertebra prominens, auch vorstehender Halswirbel genannt. Der Wirbel, der den Übergang zur Brustwirbelsäule bildet und weit vorsteht und somit auch für einen Laien erkennbar ist.

Aber nicht nur die Wirbel spielen eine große Rolle im Aufbau der HWS, sondern vor allem die Gefäße und Nerven. Eine der Arterien, die unser Gehirn mit Blut versorgen ist die Arteria vertebralis. Sie entspringt in der Brusthöhle und verläuft durch den 6. Halswirbel hinauf durch die HWS ins Gehirn. Im Bild könnt ihr den Verlauf erkennen und auch die sog. "Atlasschleife", bei der die Arterie eine Kurve um den Atlas macht. Auch das Rückenmark verläuft durch die HWS.




Unsere HWS ist sehr empfindlich, so sind hier auftretenden Verletzungen oft schwer zu behandeln und teilweise lebensgefährlich. Auch die Muskulatur um die HWS herum wird gerade in der heutigen Zeit stark beansprucht - Verspannungen und Fehlhaltungen sind die Folge. Nicht selten führen abgeklemmte oder verletzte Arterien zur Minderdurchblutung im Hirn und zu Schlaganfällen.

Mein prägendes Erlebnis

Als ich relativ frisch in meiner Yogapraxis den Kurs einer damaligen Arbeitskollegin besuchte, verstand ich noch nicht viel von dem was ich tat. Es fühlte sich gut an und wollte damit weitermachen. Doch meinen Körper richtig einzuschätzen fiel mir schwer. Wie weit konnte ich gehen? Doch dafür war meine Lehrerin da. Sie würde mir helfen. Und so kam es, dass wir den Pflug praktizierten. Mir fiel es nicht sonderlich schwer und so brachte sie mich noch tiefer in die Haltung, in dem ich meine Knie neben dem Kopf absetzen sollte. Autsch... Irgendwas in meiner HWS fühlte sich komisch an. Am Abend konnte ich nicht auf meinen Wirbeln liegen, so empfindlich waren sie. Ich suchte Rat bei einem Physiotherapeuten, der vermutete, dass meine Knochenhaut überreizt wurde. Nach ein paar Tagen waren die Beschwerden weg. Dennoch - ein komisches Gefühl blieb und die Kurse besuchte ich kein zweites Mal. Doch hätte sie etwas anders machen können? Ja und Nein. Nein, weil sie von außen nur sah, dass ich sehr beweglich war und nicht sah wie meine HWS auf der Matte auflag. Und ja, weil sie die Gefahren einer solchen Haltung unterschätzte.

Das Fazit

Der Kopfstand oder auch der Schulterstand verlangen der HWS eine enorme Belastung ab. Die HWS ist nicht für solche extremen Bewegungen unter einer Last, weder in der Beugung noch in der Streckung, ausgelegt. Wir als Yogalehrer können von außen nicht erkennen, ob ein Schüler ein kräftige oder eine schwache, vielleicht sogar fehlgestellte, HWS hat. Und auch die Schüler selbst wissen es oftmals nicht einzuschätzen. Und erst Recht in Kursen mit teilweise bis zu 20 oder mehr Schülern hat ein Lehrer keine Möglichkeit dem jeweiligen Schüler genügend Aufmerksamkeit und Sicherheit in einer solch extremen Haltung zu schenken. Es ist unverantwortlich die Schüler, die oftmals blutige Anfänger sind oder den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, in eine Haltung wie den Kopfstand oder Schulterstand zu schicken - und das vielleicht sogar noch unaufgewärmt am Anfang der Stunde.

Auch hier kann ich auf eigene Erfahrung zurückgreifen - eine Fehlstellung der HWS. Ich empfand den Schulterstand schon immer als unangenehm und nach dem Kopfstand hatte ich oftmals Spannungskopfschmerzen. Der Grund: Eine Steilstellung in der HWS - d.h. keine natürliche Krümmung, sondern eine komplett gerade HWS. Dadurch werden die Gefäße sowieso schon belastet, wenn das Ganze dann noch in einer extremen Haltung mit dem eigenen Körpergewicht belastet wird, könnt ihr euch vorstellen, wie sehr sich meine HWS freut. Ein Lehrer würde so etwas von außen nicht erkennen und im Kurs in mir nur einen eher fortgeschritteneren Yogi sehen, dem solche Haltungen leicht fallen sollten - und genau darin liegt die Gefahr.

Aber der Kopfstand hat auch positive Wirkungen und für viele Schüler fühlt er sich einfach nur großartig an. Auch den Schulterstand empfinden sehr viele als angenehm und praktizieren ihn eigenständig noch vorm Savasana. Eine Option den Schulterstand zu unterrichten, bieten Personal Trainings. Hierbei kann der Lehrer sich voll und ganz auf den Schüler und dessen Ausrichtung konzentrieren. Denn auch ich habe es durch sehr behutsames Training geschafft an manchen Tagen den Kopfstand oder Schulterstand auszuführen und das ohne Beschwerden.

Jedoch stellen Umkehrhaltungen, wie der herabschauende Hund oder auch der Unterarm- und Handstand sehr viel bessere Alternativen mit den gleichen positiven Effekten dar - und das auf gesündere Art und Weise.

Habt einen schönen Start in die Woche und rollt fleißig eure Matte aus (vielleicht mit dem ein oder anderen Handstand, gerne auch an der Wand ;) ).

Namasté.

  • Schwarz Instagram Icon
  • Schwarz YouTube Icon
  • Black Facebook Icon
  • Black Pinterest Icon