• Tatjana

Funktionalität im Yoga

Wenn Leute an Yoga denken, blitzen die abstrusesten Bilder in den Köpfen auf. Verrenkungen, extreme Handstände an noch extremeren Orten oder einfach meditierende Persönlichkeiten mit Malas* um den Hals. Oft schrecken genau diese Bilder ab und hinterlassen bei vielen einen faden Beigeschmack. Dies wird dadurch verstärkt, dass sich die Berichte über Verletzungen im Yoga und Horror-Stories wie Bandscheibenvorfälle oder gar Schlaganfälle zu häufen scheinen.



An dieser Stelle möchte ich noch mal hervorheben wie wichtig es ist, einen gut ausgebildeten Yogalehrer zu haben, bei dem man sich aufgehoben fühlt.

Am besten erkennen lässt sich dies zum einen natürlich daran wie wohl du dich während und vor allem nach der Stunde fühlst, aber auch daran was der Lehrer für ein fachliches, anatomisches Wissen aufweisen kann. Kann er dir in jeder Übung nachvollziehbar erklären, weshalb du sie gerade ausführst und welche Muskeln, wie beansprucht werden? Dafür muss er nicht zwingend einen medizinischen, physiotherapeutischen oder sportwissenschaftlichen Hintergrund aufweisen (nützlich ist es natürlich dennoch), sondern einfach ein Grundverständnis für Bewegung und den menschlichen Körper mitbringen.

Vielleicht klingt es etwas hart ausgesprochen "er MUSS", aber wir sollten dabei niemals vergessen, dass heutzutage JEDER Yogalehrer werden kann und wir müssen uns als eben solche der Verantwortung bewusst werden, dass wir mit menschlichen Körpern arbeiten - in anderen Berufen die genau dies auch tun, sind enorm anspruchsvolle und langwierige Ausbildungen notwendig. An die Wirkung des Yoga zu glauben ist die eine Sache, sie wirklich zu verstehen eine andere.



Im Nachfolgenden möchte ich euch deshalb etwas näher bringen wie Yoga funktionell sein und werden kann. Hierbei ist es von Bedeutung anzumerken, dass die ganz klassischen, traditionellen Yogastile nicht schlecht und falsch sind, aber sie sind auch einfach eben vor tausenden von Jahren entstanden, wo Menschen noch nicht das medizinische Wissen hatten, wie wir es heutzutage aufweisen können.

Die eine Hälfte von mir ist ein sehr großer Fan von der östlichen Spiritualität und dem Glauben daran, dass der Mensch sich selbst heilen kann. Die andere Hälfte aber liebt die Wissenschaft. Dieser scheinbare Zwiespalt lässt sich dennoch wunderbar vereinen. Wir können Yoga modern unterrichten, auf anatomische Gegebenheiten achten und ja, wir können Yoga auch als Sport, Muskelaufbau und Koordinationstraining betrachten und trotzdem die spirituellen Seiten ehren und damit verbinden. Angelehnt an meinen Lehrer Young-Ho Kim: Wir ehren die Tradition, aber befürworten genauso auch die Evolution.


Wie wird Yoga nun funktionell?

Lange Rede kurzer Sinn: Wir müssen die Anatomie verstehen und verinnerlichen. Um funktionell Yoga zu unterrichten, müssen wir als Lehrer, aber auch als Schüler verstehen wie unsere Muskelketten und Faszien zusammenarbeiten. Was passiert mit unseren Hamstrings, wenn wir den Quadrizeps anspannen? Warum gibt es die sog. Yogi-Zehen? Was bedeutet es im Handstand, wenn wir unsere Füße flexen (beugen) oder pointen (strecken)? Warum ist der Kopfstand/Schulterstand/Pflug nicht unbedingt die beste Wahl für volle Yogaklassen (einen eigenen Artikel dazu findest du hier)? - I'm sorry, Ashtangis, Jivamuktis, Hatha-Yogis und alle Kopfstand Verfechter - but it's one of the worst things you can do to your neck...

Eine funktionelle Yogastunde ist ein in sich stimmiges und geschlossenes System. Jede Übung baut auf der anderen auf und ist vorbereitend für die Peak-Pose (also den Höhepunkt) - Stichwort hierzu: Sequencing. Die Muskeln werden gekräftigt und aufgewärmt um sie dann gezielt zu dehnen. Und im Vinyasa wird das ganze dann noch schön als Fluss der Übungen ohne Stop verbunden. Und auf einmal wird Yoga unterrichten zu einer eigenen Wissenschaft... :D


Grundprinzipien

"Und mal im Ernst, fühlt es sich wirklich angenehm an, im seitlichen Winkel oder Dreieck die Decke anzustarren??? Also für mich nicht. Und rein anatomisch würde es auch sehr, sehr komisch auf einem Röntgenbild aussehen."

1. Kein direkter Wechsel von Vor- und Rückbeugen!

Wenn wir aus einer Rückbeuge direkt in eine Vorbeuge gehen und im schlimmsten Fall danach wieder in eine Rückbeuge ist das für unsere Wirbelsäule und vor allem die Bandscheiben eine zu extreme Belastung. Es besteht keine Zeit sich wieder richtig auszurichten und an die Situation anzupassen. Für die Praxis bedeutet dies: entweder den Fokus auf Rück- oder auf Vorbeugen legen und am Ende der Stunde dann die jeweilige Ausgleichbewegung einbauen.

2. Sprunggelenk stabil halten

Immer! Und erst Recht dann, wenn wir eine Hüftaußenrotation vorfinden. Bei Übungen wie der Taube (engl. pigeon pose) zum Beispiel sollte das Sprunggelenk immer gerade und faltenfrei sein. Der Fuß darf niemals sicheln (abknichen; wie eine Mondsichel). Lieber den Winkel im Knie kleiner werden lassen, als zwanghaft den Unterschenkel parallel nach vorne zu legen und das Sprunggelenk abknicken zu lassen oder aber zur Seite auszuweichen. Safety first!



3. Lass' die Knie gebeugt!

Vor allem bei Vorbeugen, egal ob im Stehen oder Sitzen, aber auch im Herabschauenden Hund. Die wenigsten Schüler, aber auch Lehrer sind so beweglich, dass sie unaufgewärmt mit gestreckten Beinen in eine Vorbeuge kommen oder direkt zu Beginn der Stunde im Herabschauenden Hund die Fersen mit gestreckten Beinen zu Boden bringen können, ohne, dass der Rücken dabei rund wird. Zum Schutz deiner Bandscheiben sollte dir die äußere Form grundsätzlich am Popo vorbeigehen. Also bei Ansagen wie "Streck die Beine durch." roll deine Matte zusammen und such das Weite (oder lass' die Beine einfach gebeugt). Die Hamstrings werden auch und sogar noch besser gedehnt, wenn du die Beine gebeugt lässt, aber dafür deinen Rücken richtig schön aufrichtest und gerade streckst. Am besten geht das in dem du einen kleinen Entenpo machst, also gefühlt in ein Hohlkreuz möchtest.


4. Hör' auf deinen Kopf zu verdrehen

Okay, wenn in der Reihe hinter dir ein besonders schnuckliger Yogi oder eine ziemlich hübsche Yogini sitzt, darfst du dir auch mal den Kopf verdrehen. Aber auch nur dann. Ansonsten gilt hier: Schau dahin, wo es sich für deinen Nacken am angenehmsten anfühlt. Und mal im Ernst, fühlt es sich wirklich angenehm an, im seitlichen Winkel oder Dreieck die Decke anzustarren??? Also für mich nicht. Und rein anatomisch würde es auch sehr, sehr komisch auf einem Röntgenbild aussehen. Als Faustregel hier: Lass' den Hals und Nacken faltenfrei und so, dass du den Kopf immer locker bewegen könntest. Für die meisten Erdenbewohner bedeutet dies: Den Kopf neutral und das Kinn in einer Linie mit dem Brustbein zu halten.


So, keep your head high & your heart strong!

Ich entschuldige mich dafür, dass manche Yogavorstellungen hiermit ruiniert wurden (#sorrynotsorry). Es stimmt, im Yoga gibt es grundsätzlich kein "falsch" oder "richtig". Aaaaber es gibt eben auch Menschen, die erkannt haben, dass es ein "gesund" und "ungesund" gibt. Und Menschen, die dies auf's Yoga übertragen und anwenden. Und glaube mir, wenn du einmal bei einem solchen Menschen im Yoga gewesen bist und auf einmal alles einen Sinn ergibt, dein Körper sich zu einem Ganzen zusammenfügt und du spürst wie gut es dir tut, dann willst du nie wieder etwas anderes (danke, an meine wunderbaren, großartigen Lehrer und Dozenten!).

Und nun wünsche ich dir ein frohes, gesundes und ego-fernes Yoga praktizieren.

Happy Weekend!


P.S. Es Sind noch ein paar Spots in meinem Workshop am 13.01. frei - mehr dazu findest du unter der Rubrik "Workshops & B2B".

*für meine "Nicht-Yogis": Malas sind Gebetsketten aus 108 Perlen bestehende, die sinnbildlich für die 108 Götter im Hinduismus stehen.

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