• Tatjana

Ersttrimester Screening - eine sehr persönliche Meinung

Nicht, dass der Beginn einer Schwangerschaft sowieso erst einmal totales Gefühlschaos bedeutet - die angehende Mama muss sich auch fast umgehend um eine Hebamme, Geburtsort und Vorsorgen bzw. Pränataldiagnostiken kümmern. Und mit Gefühlschaos meine ich vor allem dem Hormonchaos, dem wir Mamas am Anfang hilflos ausgeliefert sind. Von einem Moment auf den nächsten überwältigen uns die intensivsten Gefühle von absoluter Freude bis tiefgehende Angst.




"Schaffe ich das?", "Geht es meinem Kind gut?", "Was darf ich machen?", "Haben mein Partner und ich dann überhaupt noch Zweisamkeit?" und viele weitere Gedanken spuken einem ganz unfreiwillig im Kopf herum. Und schon beim ersten Vorsorgetermin um die 10. Woche herum, stellt der Frauenarzt die Frage, ob eine Nacken-Transparenz Messung (NT-Messung) durchgeführt werden soll. Bei diesem sog. Ersttrimester Screening wird anhand des Ultraschalls die Nackenfalte des Embrios gemessen, sowie bei vorliegendem Verdacht/Risiko Blutuntersuchungen durchgeführt. Anhand dessen, soll ein Risikofaktor ermittelt werden, der die Gefahr eines Gendefekts von Trisomie darstellt. Die wohl bekannteste Trisomie ist das Down-Syndrom, aber sie ist nicht die einzige und bei weitem nicht die gefährlichste für das Kind. Wenn der Risikofaktor hoch ist, erwarten die Mutter weitere Untersuchungen - u.a. die riskante Fruchtwasseruntersuchung mit hoher Fehlgeburtenrate.


Die wichtigste Frage

Die meiner Meinung nach entscheidende Frage, die sich ein Paar bzw. die Mutter stellen sollte, bevor sie das Screening durchführen lässt, ist die, ob das Ergebnis etwas ändern würde. Wäre man bereit das Kind abzutreiben, bei hoher Risikoeinschätzung? Kann man sich ein Leben mit behindertem Kind vorstellen? Diese Frage muss ganz individuell beantwortet werden - und auch wenn ich eine sehr starke persönliche Meinung dazu habe - gibt es hier kein falsch oder richtig.


Unsere Entscheidung

Wir haben uns ganz bewusst gegen die Messung entschieden. Aus dem einfachen Grund, dass das Ergebnis nichts an unserem Wunsch, dieses Kind zu bekommen und groß zu ziehen geändert hätte. Ich sehe mich nicht in der Position darüber zu entscheiden, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Und das sage ich aus einem bestimmten Grund: Meine beiden Eltern, aber vor allem meine Mutter, wären heute nicht hier, wenn es damals solche Untersuchungen gegeben hätte. Klingt hart, aber es ist so.


Meine persönliche Geschichte & Meinung

Meine Mutter ist einer der vielen Contergan-Fälle, die es in den 60-er Jahren in Deutschland gab. Kurz und knapp erklärt, nahmen Schwangere das Mittel gegen unterschiedliche Beschwerden (Depressionen, Schmerzen, Beruhigung etc.) ein. Je nachdem zu welchem Zeitpunkt es eingenommen wurde, führte es zu leichten bis schweren oder lebensgefährlichen Missbildungen der Ungeborenen. Vielleicht denken manchen sich, das ist doch kein Leben! Meine Mutter hat z.B. keine Arme, ist auf einem Auge blind, hat nur eine funktionierende Niere, kleinere Fehlbildungen und weitere Folgeschäden. Und trotzdem ist sie einer der lebensfrohsten Menschen, die ich kenne und hat es gemeinsam mit meinem Vater (Spastiker) geschafft ohne großartige Hilfe zwei Kinder großzuziehen, einen Haushalt zu führen und das Leben zu genießen. Hätte damals jemand darüber entschieden, ob das Leben meiner Mutter als lebenswert angesehen werden könne, wäre die Entscheidung sehr wahrscheinlich auf "nein" gefallen...

Und da ich aufgrund dessen in meiner Kindheit von vielen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen groß geworden bin, würde ich mich niemals anmaßen über lebenswert oder nicht zu entscheiden. Denn jedes dieser Leben, die ich kennen lernen durfte, war und ist definitiv mehr als lebenswert! Letztendlich hängt es von den Betroffenen ab, was sie aus ihrem Leben machen und wie sie mit ihrer Situation umgehen.

Wenn ich als Elternteil jedoch weiß, dass ich nicht in der Lage wäre mich auf allen Ebenen um ein "behindertes" Kind zu kümmern, muss ich eine Entscheidung treffen. Meiner Ansicht nach sollte diese jedoch auf Adoption und nicht auf Abtreibung fallen. Aber wie gesagt, dass ist meine persönliche Einstellung und ich bin in der glücklichen Situation den Frauenarzt sagen zu hören, dass es meinem Kind wunderbar geht. Wie es wäre, wenn das nicht so wäre, kann und möchte ich nicht mit 100% Sicherheit vorhersagen. Eine Abtreibung steht für mich dennoch überdimensional weit unten auf der Liste der Möglichkeiten...



Für mich war mein Kind vom ersten Moment an, ein vollwertiges Leben. Wenn auch rein wissenschaftlich erstmal nur ein Zellhaufen. Das Herzchen schlägt schon in der 6.-8. Woche - trotzdem besteht die Möglichkeit dieses Herz verstummen zu lassen. Für mich war der Herzschlag in der 10. Woche das schönste Geräusch auf Erden und ein Moment, den ich nie vergessen werde. Dieses Leben in mir hat so viel Liebe verdient, wie ein Mensch nur geben kann. Ganz egal wie dieses Leben aussieht.

Dieses Thema ist sehr polarisierend, individuell und für viele belastend. Dennoch eines, was nicht tot geschwiegen werden sollte. Vielleicht hat dich der Artikel zum Nachdenken angeregt oder dich in deiner Einstellung, welche es auch sein möge, bestärkt.

Ganz egal was es ist, danke, dass du dir die Zeit genommen hast, diesen sehr persönlichen Artikel zu lesen und ich bitte dich, nicht zu hart mit meiner Einstellung dazu in die Kritik zu gehen. Jeder geht seinen eigenen Weg und das ist gut so.


Namasté.

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