• Tatjana

Diagnose Schreibaby - unser Alltag

Schreibaby. Ein Begriff, den ich noch immer einfach grauenvoll und abwertend finde. Aber leider auch der einzige Begriff, der es wirklich trifft.


Wenn Babies gestillt, gewickelt, ausgeschlafen und auf Mamas Arm sind und immer noch nur schreien, ist man hilflos.

Und das weiß ich, weil wir es erleben. Ich habe lange gezögert, ob ich diesen Artikel schreiben soll. Ich will niemandem Angst machen, ich will nicht, dass andere denken, ich übertreibe (schließlich ist man ja „nur“ zum ersten Mal Mutter) und vor allem will ich meiner Tochter kein Label aufdrücken.


Allerdings habe ich mich nun doch dazu entschieden - aus dem einfachen Grund: Ich will anderen Mamas zeigen, dass sie nicht alleine sind, dass es nicht an ihnen liegt und dass es eben Dinge gibt, auf die wir keinen Einfluss haben.


In diesem Artikel erwarten euch unser Alltag, wie alles anfing, wie es mir damit erging/ergeht und meine Tipps an Andere und Angehörige.





Definition


"Als Schreibaby gilt ein Säugling, der täglich mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen der Woche über mehr als drei Wochen aus unerklärlichen Gründen schreit und sich kaum beruhigen lässt. Das Schreien tritt oft plötzlich auf, wenn sich das Baby kurz zuvor noch anscheinend wohl gefühlt hat. Meist beginnt die „Schreibabykarriere“ mit einem Alter von zwei Wochen." - Kinderärzte im Netz

Die ersten Wochen


Unser Yogamädchen kam auf die Welt und schrie. Sie schrie bis sie endlich trinken durfte. Danach schrie sie weiter. Irgendwann schlief sie dann bei Papa auf der Brust ein. Die ersten Tage schlief sie meistens beim Stillen ein, die Nächte waren unruhig und nur hüpfend auf dem Gymnastikball zu überstehen.

Nach ca. 10 Tagen wurde es schlimmer. Sie schrie tagsüber, dockte schreiend von der Brust ab und schlief kaum. Die Hebamme kam meistens dann, wenn sie gerade mal friedlich schlummerte. Unser Stillen klappte zum Glück super, nur dass ich zu viel Milch hatte. Vielleicht lag es daran?

Ab zum Kinder-Bereitschaftsdienst


Aber es wurde nur schlimmer. Dass wir unser Yogamädchen nicht ablegen konnten und sie nur bei uns in der Trage zur Ruhe kam oder auf uns schlief, daran hatten wir uns schon gewöhnt.

Sobald wir sie hinlegten, verspannte sie den ganzen Körper, bog sich durch, lief rot an und schrie. Zum Glück hatten wir allen gesagt, keinen Besuch im Wochenbett haben zu wollen. Aber mir graute es schon vor danach...


Von Tag zu Tag wurde es unerträglicher, der Termin bei der Osteopathin lag noch in weiter Ferne (es waren nur fünf Tage, aber die hätte ich nicht mehr geschafft) - also kam Timo früher nach Hause und wir fuhren ins Krankenhaus. Blähungen/Kolik und Regulationsstörung war die Diagnose. Wir riefen bei der Osteopathin an und bekamen einen Notfalltermin für den nächsten Morgen.

Erste Hilfe - Osteopathie


Wie schon in meinem Wochenbettbericht erzähl, hat die Osteopathie Abhilfe geschaffen. Zumindest ein wenig. Die Diagnosen hier: verspanntes Becken, blockierte Brustwirbel, Schmerzen im Nacken. Die ganze erste Behandlung hindurch, hat das Yogamädchen geschrien. Aber ich wusste, es würde helfen. Und das tat es. Nach fünf Behandlungen waren die Verspannungen gelöst.


Das Schreien wurde weniger und sie hatte öfter Wachphasen, in denen sie nicht schrie, sondern zufrieden durch die Gegend schaute. Nach vier Wochen ohne Behandlung und einer Woche mit einem verhältnismäßig entspanntem Kind, ging es wieder los. Leider ist es auch nicht auf eine Uhr- oder Tageszeit zu beschränken, sondern zieht sich über den ganzen Tag und oft auch die Nacht. Wir sind dann direkt wieder zur Osteopathin, und auch dieses Mal hat es Abhilfe geschaffen und es ging ihr etwas besser.



Wie es mir erging


Da kommt dieses kleine wundervolle Wesen auf die Welt, man wird durchströmt von Glückshormonen und dann kommt irgendwie alles ganz anders. Das verrückte ist, auch wenn mein kleines Mädchen mehrere Stunden am Tag nur schrie und vielleicht zwei Stunden am Tag schlief, empfinde ich eine so tiefgehende Liebe, wie sie wohl nur einer Mutter zuteil wird.


Dennoch ist es hart. Man sieht überall Mütter, die mit ihren Babies unterwegs sind, die friedlich schlummern oder ruhig durch die Gegend schauen. Man hört Erzählungen wie andere ihre Babies ablegen können zum Schlafen und manche sogar einfach von selbst einschlafen. Ich kann das Yogamädchen nicht einmal direkt neben mich legen, wenn sie schläft - sofort gehen die Augen auf und sie schreit. Und unterwegs zu sein ist ein reiner Spießrutenlauf und macht absolut keinen Spaß. Und nein, es ist kein Weinen - es ist ein Schreien. Mit hochrotem Kopf und verspanntem Körper schreit sie sich in Rage und lässt sich nur schwer beruhigen. Es tut in der Seele weh und es geht ganz schön an die Substanz.

In den 12 Wochen, die sie nun auf der Welt ist, konnten wir sie fünfmal in ihr Babynest zwischen uns im Bett ablegen. Den Rest der Zeit schläft sie auf mir oder dann beim Papa, wenn dieser nach Hause kommt. An einigen Tagen aber eben nur bei Mama.

Manches Mal habe ich mit ihr geweint, dann hat Timo sie genommen. Meistens streichel und küsse ich ihr den Kopf einfach um ihr zu zeigen „Ich bin da.“ Mehr kann ich nicht tun.

Ohne Yoga kaum zu schaffen


Termine wahrzunehmen ist der blanke Horror - vor allem, wenn der Papa nicht dabei sein kann. Ohne meine Yoga- und Meditationspraxis wäre ich bestimmt mal aus meiner Haut gefahren und um einiges gestresster. Aber tatsächlich habe ich es immer geschafft ruhig mit ihr zu bleiben, ihr all meine Liebe zu geben - und manchmal bewundere ich mich selbst dafür. Trotzdem bedeutet es für alle Beteiligten momentan noch Stress pur unterwegs zu sein oder auch Besuch zu empfangen - denn wir wissen nie, wie sie darauf reagiert und wie sie es verarbeitet. Deswegen reduzieren wir alles auf ein absolutes Minimum und ich genieße jede ruhige Minute mit ihr in unserem Zuhause.


Ich bin dankbar, dass ich keine Schmerzen nach der Geburt hatte und auch keinerlei Probleme mit dem Stillen. Sonst wäre es noch härter gewesen.

Hut ab vor allen Schreibaby -Mamis bei denen das leider anders war/ist. Ihr seid der Wahnsinn!



Was ich anderen mitgeben möchte


Seid stolz auf das, was ihr leistet - jede Mama. Aber vor allem, die von Schreibabies. Wie oft habe ich anfangs an mir gezweifelt, überlegt was ich hätte anders tun sollen oder ob ich noch ruhiger mit ihr umgehen kann etc. Von außen nur zu hören bekommen, dass es normal ist, das Babies weinen.

NEIN - du kannst als Mutter nichts dafür! Ich habe in meiner Schwangerschaft 1 Stunde täglich meditiert, bin spazieren gegangen und habe eine doch gute Geburt gehabt. Sie hat ein ruhiges Umfeld, ist nur in der Trage, um sie von noch mehr Einflüssen abzuschirmen. Trotzdem ist es wie es ist.

Und ja, Babies weinen, aber nicht so! Wenn du als Mama das Gefühl hast, etwas stimmt nicht, dann stimmt auch etwas nicht! Lass‘ dir da nicht reinreden - alle meinen es gut, aber du bist die Mama. Und da ist es egal, wie viele Kinder du hast oder ob es dein erstes ist.

Bleibe ruhig, atme, singe, wenn es dich ablenkt. Sobald du merkst, du wirst wütend oder eventuell aggressiv deinem Baby gegenüber, gebe es einer anderen Bezugsperson oder lege es an einen sicheren Ort und komm kurz zur Ruhe. Und wenn du es Besuchern nicht in den Arm geben willst, dann tu es nicht! Auch nicht, wenn es Oma und Opa oder Onkel und Tante sind. DU kennst dein Baby am besten und weißt wie es darauf reagiert und am Ende des Tages bist du diejenige, die ein Baby hat, was noch mehr Eindrücke verarbeiten muss.


Schreibabies brauchen Ruhe und Routine. Und vor allem brauchen sie ihre Mama und den Papa.

Osteopathie kann hier einiges bewirken. Also am besten so früh wie möglich einen Termin vereinbaren, wenn du das Gefühl hast etwas stimmt nicht.


Redet mit eurer Hebamme und eurem Arzt darüber. Wenn ihr das Gefühl habt, nicht Ernst genommen zu werden, macht das deutlich. Und wenn nichts hilft, sucht eine Schreiambulanz auf. Dort werden oftmals noch sehr hilfreiche Tipps gegeben. Es kann viele Ursachen haben, manchmal ist aber auch einfach so. Dann hilft nur zu lernen richtig und liebevoll damit umzugehen.

Tipps für Angehörige und Freunde


Habt Verständnis. Habt Verständnis, wenn der Besuch kurzfristig abgesagt wird oder die Mutter erst gar keinen empfangen will. Habt Verständnis, wenn sie euch das Baby nicht in den Arm gibt - das geht nicht gegen euch, sondern ist das Beste für das Baby. Und bitte sagt nicht so etwas wie „Babies schreien nun mal“. Sagt es nicht, solange ihr nicht selbst die Erfahrung mit einem Schreibaby gemacht habt. Das ist kein Vergleich zum „normalen“ Weinen und Schreien von Babies.

Seid da, sprecht gut zu und haltet euch mit Vergleichen zu anderen Babies zurück. Man kann sie nicht vergleichen und damit ist niemandem geholfen. Im schlimmsten Fall fühlt die Mutter sich noch schlechter oder sogar unfähig, weil sie denkt etwas falsch zu machen.




Fazit


Ein langer Artikel, der mir sehr am Herzen liegt. Ihr seid nicht alleine. Ihr macht das einfach großartig und ihr dürft verdammt nochmal echt stolz auf euch sein, für das was ihr leistet.


Ich bin stolz auf mich. Und trotz aller extremen Anstrengung, gibt es nichts schöneres als dein eigenes Baby in den Armen zu halten.

Danke & Namasté.



Quellen:

https://www.kinderaerzte-im-netz.de/krankheiten/schreibaby-regulationsstoerung-veraltet-dreimonatskoliken/was-ist-ein-schreibaby/

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